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"Arztsein macht einfach keinen Spaß mehr"

Ärztemangel in Ost- und Westdeutschland, Abwanderung des Nachwuchses, schlechte Arbeitsbedingungen: Die deutschen Ärzte haben vor immer größeren Versorgungslücken zu Lasten von Millionen von Patienten gewarnt. In vielen Regionen auch Westdeutschlands droht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zufolge bereits heute eklatanter Ärztemangel. Zum Ausgleich der über 41 000 Ärzte, die in den kommenden fünf Jahren in Ruhestand gehen - ich gehöre auch dazu - ist ausreichender Nachwuchs "nicht in Sicht", warnte KBV-Chef Andreas Köhler.

Immer mehr Menschen leiden unter ärztlicher Unterversorgung ihrer Region: Schon heute fehlen in Niedersachsen 186 Hausärzte, in Sachsen-Anhalt sind es 120, in Westfalen-Lippe 60, in Brandenburg 56, in Mecklenburg-Vorpommern 30, in Thüringen 14 und am Nordrhein 10. Mit einem bundesweiten Minus von 250 Nervenärzten binnen vier Jahren drohen auch hier wachsende Lücken. Auch bei Augen-, Frauen- und Hautärzten, Chirurgen und Pathologen zeichnen sich Engpässe ab, warnte Köhler und Ärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe.
Köhler räumte "in Ballungsgebieten ärztliche Übersorgung" ein. "Es gelingt uns nicht, aus Berlin Ärzte in die 60 Kilometer entfernte Uckermark zu bringen." Wer in ländlichen Gebieten jeden zweiten Tag Notfalldienst machen müsse, gebe seine Zulassung oft vorzeitig ab.
Über alle Arbeitsfelder hinweg arbeiten 30 000 in Deutschland ausgebildete Ärzte insgesamt im Ausland, sagte Hoppe. Viele orientieren sich nach dem Studium in die Wirtschaft: "Hier stimmt die Welt nicht mehr." Nach Angaben der KBV sind 16 000 deutsche Ärzte im Ausland in ihrem Beruf tätig, vor allem in Großbritannien. Eingewanderte Ärzte machen dies statistisch nicht wett.

Bis 2012 gehen nach Köhlers Angaben 15 376 Hausärzte in den Ruhestand, dazu 18 851 Fach- und 6905 Klinikärzte. Sorgen macht der KBV, dass 41,6 Prozent der Medizinstudenten eines Jahrgangs zuletzt nicht in ihren Beruf eingestiegen sind. Der Anteil der unter 35-Jährigen Ärzte sank nach KBV-Angaben von 23,8 auf 15,9 Prozent. Mehr als jede zweite Klinik in Ostdeutschland könne offene Arztstellen nicht besetzen, im Westen sind es 24 Prozent. Hoppe: "Zu wenige sind bereit, sich dauerhaft in die Patientenversorgung zu begeben. Der Arztberuf mache einfach "keinen Spaß" mehr."

Die Ärztefunktionäre machten vergleichsweise schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und hohe Belastungen für die Missstände verantwortlich. Hoppe sprach von unbezahlten Überstunden im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Köhler sagte: "Deutsche Ärzte arbeiten in der Woche im Durchschnitt 50,6 Stunden" - zehn Stunden mehr als andere EU-Spitzenreiter. Dazu kommt, dass "die Hierarchien im Krankenhaus stärker ausgebildet sind als im Militär".
Köhler räumte ein, die Koalition steuere mit flexibleren Anstellungs-Möglichkeiten gegen den Arztmangel. Auch die KBV versuche etwa mit Umsatzgarantien gegenzusteuern. Doch reicht dies nicht. Bei der anstehenden Honorar-Reform forderte Köhler "spürbar mehr Geld für jeden Arzt". Die nötigen zusätzlichen 9 Milliarden Euro sind bis 2009 aber nicht erreichbar, kritisierte er.
Hoppe machte das von Ulla Schmidt (SPD) geführte Gesundheitsministerium für die Probleme verantwortlich. Er forderte die Wähler indirekt auf, den Verantwortlichen bei den nächsten Wahlen die Quittung zu geben. Schmidt wies Hoppes Warnungen zu Kliniken und Ärztemangel zurück. Sprecher Klaus Vater sprach von "Panikmache und Miesmacherei". Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) forderte sofort mehr Geld, weniger Bürokratie und mehr Weiterbildung.



 

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