Für und Wider des Prostata-Karzinom-Screenings
Jeder Mann sollte seinen PSA-Wert kennen - genau wie den PS-Wert seines Autos. Das ist die Meinung vieler Urologen. Andere Ärzte, zu denen ich auch zähle, sagen dagegen, dass die Früherkennung von Prostatakrebs sehr kritisch betrachtet werden sollte, da es bei zu unkritischer und großzügiger Anwendung viel zu häufig zu Überdiagnosen und Übertherapien kommen kann. Von letzterem kann ich ein Lied aus meiner Praxis singen. Ich werde in lockeren Sequenzen über solche Fälle berichten.
Die digital-rektale Untersuchung reicht nicht aus und ist (außer einer symbolischen Handlung was Früherkennung oder Prävention anbelangt) ziemlich wertlos, wird aber ab dem 45. Lebensjahr von den Krankenkassen angeboten und bezahlt. Ob aber die Bestimmung des PSA-Wertes genauer und besser geeignet ist, ist aber auch umstritten: übersteigt der PSA-Wert 4 ng/ml, kann dies ein Hinweis auf einen Tumor sein - muss es aber nicht. Denn PSA ist ein Organ- und kein Tumormarker. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen den Test bisher nicht, da sein Nutzen nach ihrer Auffassung nicht klar erwiesen ist, womit sie ausnahmsweise einmal Recht haben.
Eine gute Früherkennung wäre aber dringend nötig: In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 2002 über 48 500 Männer neu an Prostatakrebs erkrankt – der damit das Lungen-Ca als häufigsten Tumor bei Männern abgelöst hat. Die Screening-Befürworter verweisen auf die Beispiele USA und Österreich: In den USA lassen drei von vier Männern jenseits des 50. Lebensjahres ihren PSA-Wert bestimmen. Die regelmäßige Früherkennung soll zu einer massiven Reduktion der krankheitsbezogenen Mortalität führen. In vielen Studien wird versucht zu belegen, dass mit der Kombination aus Tastbefund und Bestimmung des PSA-Werts Prostatakrebs in einem früheren Stadium diagnostiziert wird und somit früher und erfolgreicher behandelt werden können.
Kritiker sagen, dass dadurch die Patienten nicht länger leben, sondern nur ihre Diagnose länger kennen, denn Früherkennung ist lediglich eine unnötige Vorverlegung der Diagnose. Teuer für die Krankenkassen, belastend für den Patienten, lukrativ für Operateur und Krankenhaus. Bei jedem fünften älteren Mann findet man ein Prostatakarzinom, wenn man danach sucht z.B.
- bei 60% der 60-jährigen,
- bei 70% der 70-jährigen und
- bei 80-90% der 80-jährigen
Es gibt bei etwa 160 von 1000 älteren Männern, die ihren PSA-Wert bestimmen ließen, falsch-positive Ergebnisse und damit Folgeuntersuchungen wie Gewebeentnahmen etc. Selbst wenn infolge des Tests tatsächlich ein Karzinom entdeckt wird, wächst es unbehandelt bei zwei Dritteln der Männer so langsam, dass es zeitlebens keine Beschwerden verursacht und auch keine Gefahr fürs Leben darstellt. Warum also soll man die Diagnose kennen und erzwingen, wenn es nur beunruhigt, aber keine Konsequenzen hinsichtlich der Lebenserwartung hat? Eine intensivierte Früherkennung macht aus gesunden Männern oft und unnötigerweise kranke. Insbesondere, wenn aus der Diagnose Prostatakrebs sofort eine aggressive und verstümmelnde Therapie eingeleitet wird, die nicht nur riskant sondern auch belastend ist. Die radikale Prostatektomie führt Studien zufolge bei bis zu 50 Prozent der Männer zu Inkontinenz, in bis zu 70-90 Prozent zu Impotenz. Ein Problem ist aber ungelöst: Wenn man auf Früherkennungs-Untersuchungen verzichtet, dann würde man die Gruppe der aggressiven Tumore eventuell nicht rechtzeitig diagnostizieren und therapieren. Wenn ein schnell wachsender Tumor entdeckt wird, solange er noch auf das Organ begrenzt ist, kann hier eine rasche Operation zu einem deutlich längerem Leben verhelfen.






